Halb drei am Comer See
Eine der bedeutsamsten Entscheidungen der Formel-1-Geschichte fiel weder an einem Sonntagnachmittag noch auf einer Rennstrecke, sondern tief in der Nacht an der Bar eines Edelhotels am Rande der norditalienischen Alpen. Doch Michael Schumacher als der große Protagonist, um den sich alles drehte, bekam von alldem nichts mit: Er erfuhr erst im Nachhinein, wie die Sache zu Ende gegangen war.
Der Weg zum Comer See beginnt in Spa
Begonnen hatte alles einige Tage zuvor beim Grand Prix von Belgien in Spa-Francorchamps. Weil Jordan dringend einen Ersatzfahrer brauchte, erhielt Schumacher im Jordan 191 seine große Chance in der Formel 1 – und er nutzte sie: Der siebte Platz im Qualifying war eine faustdicke Sensation, der Ausfall tags darauf im Grand Prix nach nur wenigen Metern verkam zur Randnotiz. Denn ein neuer Stern war aufgegangen in der “Königsklasse”, aber noch ahnte niemand, mit welchen Folgen.
Am Dienstag nach dem Rennen klingelt bei Schumachers Manager Willi Weber das Telefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Formel-1-Boss Bernard Charles Ecclestone. „Bernie“ kommt direkt zur Sache: Er erklärt, dass sich Benetton für Schumacher interessiere.
Weber wittert sogleich das große Geschäft und kann seine Begeisterung nur mit Mühe zurückhalten. Als er Schumacher davon berichtet, fällt Weber jedoch aus allen Wolken, weil Schumacher nur zögerlich auf die Neuigkeiten reagiert. „Das geht mir alles ein bisschen schnell“, sagt der angehende Superstar laut Webers Autobiografie.
Doch Weber überzeugt seinen Schützling – und signalisiert seinerseits Interesse an Gesprächen mit Benetton. Kurz darauf ruft Teamchef Flavio Briatore bei Weber an. Der Wechsel von Michael Schumacher von Jordan zu Benetton nimmt jetzt offiziell Fahrt auf: Es wird ein Treffen bei Briatore in London anberaumt.
Eddie Jordan ahnt von nichts
Einer, der von alledem nichts ahnt, ist Eddie Jordan. Der Besitzer des gleichnamigen Formel-1-Teams befindet sich zu dieser Zeit in Japan, um mit Yamaha einen Motorendeal für die Saison 1992 zu besiegeln.
Dort erreicht ihn am Wochenende die Nachricht, dass Mercedes-Rennleiter Jochen Neerpasch am Montag zu Jordan kommen werde, um in Schumachers Namen einen langfristigen Vertrag zu unterzeichnen. Jordan frohlockt: Schumachers Können und Mercedes’ finanzielle Mitgift sind für ihn eine Win-Win-Situation.
Doch bei seiner Rückkehr nach England wartet eine böse Überraschung auf Jordan: Neerpasch und dessen Begleiter, der Fahrermanager Julian Jacobi, haben die von Jordan verfasste Absichtserklärung für Schumacher zwar unterzeichnet, aber an diversen Stellen abgeändert.
Für Jordan ist das Schriftstück in dieser Form „völlig inakzeptabel“, weil Neerpasch laut Jordan Sponsorenrechte für das gesamte Rennauto beansprucht. Außerdem behält sich Mercedes vor, Schumacher bei einem möglichen Werkseinstieg in die Formel 1 jederzeit ins eigene Team zu holen.
Deshalb vertagt man sich auf den folgenden Vormittag.
Noch am Abend greift Neerpasch zum Telefonhörer. Er hat bereits am Wochenende Kontakt zu Benetton-Chefingenieur Tom Walkinshaw aufgenommen, um die Lage zu sondieren.
Jetzt ruft er ihn erneut an und berichtet, die Verhandlungen mit Jordan seien geplatzt, Schumacher sei theoretisch per sofort verfügbar.
Früh am Dienstagmorgen beschleicht Jordan ein ungutes Gefühl: Er hat Wind davon bekommen, dass Schumacher bereits zur Sitzanpassung bei Benetton gewesen ist.
Um 10 Uhr spuckt sein Faxgerät schließlich eine kurze Botschaft des Deutschen aus. Sie lautet: „Lieber Eddie, es tut mir sehr leid, aber ich werde nicht für Ihr Team fahren können. Viele Grüße, Michael.“
„Lieber Eddie, es tut mir sehr leid, aber ich werde nicht für Ihr Team fahren können.“
Michael Schumacher per Fax an Eddie Jordan
Tatsächlich setzt Benetton noch im Verlauf des Dienstags einen vorläufigen Vertrag für Schumacher auf – und Walkinshaw ruft bei Jordan an. Dort hängt laut Walkinshaw der Haussegen schief: Jordan sei „etwas aufgebracht“ gewesen. Der Teamboss zieht offenbar bereits rechtliche Schritte in Erwägung.
Am Mittwoch aber ist zunächst wieder Benetton am Zug: Das Team ermöglicht Schumacher eine Probefahrt im B191, und spätestens damit wird allen bei Jordan klar, was die Stunde geschlagen hat.
Schumacher dreht in Silverstone seine Runden, direkt vor der Nase von Eddie Jordan, dessen Rennstall unmittelbar neben der Strecke seine Werkshallen hat. Schumacher ist also auf dem besten Weg, ein Benetton-Fahrer zu werden.
Doch Benetton hat ein Problem
Die Sache hat einen Haken: Benetton hat bereits zwei Fahrer unter Vertrag – Ex-Weltmeister Nelson Piquet und Roberto Moreno.
Wie Briatore dieses Problem zu lösen gedenkt, ist ein Thema beim Sechsaugengespräch zwischen Briatore, Schumacher und Weber bei ihrem Treffen in London – zuhause bei Briatore.
Dort wischt Briatore jegliche Bedenken sofort vom Tisch und erklärt laut Weber: „Ich habe Roberto schon vor zwei Wochen gesagt, dass er bei Benetton keine Zukunft hat. Ich werde versuchen, ihn dazu zu bringen, seinen Vertrag für die restlichen Saisonrennen nicht mehr wahrzunehmen.“
Am Donnerstag stellt sich vor Ort am Autodromo Nazionale di Monza heraus, dass Briatore die Rechnung ohne Moreno gemacht hat. Denn mit Unterstützung von Jordan-Anwalt Fred Rodgers erwirkt der geschasste Benetton-Fahrer eine einstweilige Verfügung gegen Benetton.
Italienische Behörden versiegeln die Box des Formel-1-Teams, nichts geht mehr für Benetton am Tag vor dem Trainingsauftakt zum Grand Prix von Italien.
„Ich war noch immer fest entschlossen, dass Schumacher für uns fahren würde“, schreibt Jordan in seiner Autobiografie. Er kämpft mit allen Mitteln um den schnellen Deutschen – und spannt dafür jeden ein, den er kriegen kann.
Showdown am Comer See
Wieder schaltet sich Ecclestone ein: Der Formel-1-Boss will schlichten und lädt alle Parteien auf 19 Uhr in die Villa d’Este am Comer See ein, gut 50 Kilometer nordwestlich von Monza.
Der Renaissance-Bau aus dem 16. Jahrhundert strotzt vor Opulenz. Laut Weber ist der Prachtbau „eigentlich ein Ort für frisch Verliebte“. Doch an diesem Abend wirkt es eher, als sei das Luxushotel der Schauplatz eines Rosenkriegs.
Ecclestone, Briatore und Walkinshaw sowie Moreno und dessen Manager Luca Birendelli sind schon da, als Jordan und sein Marketingchef Ian Phillips in der Villa d’Este eintreffen.
Sofort beginnen lebhafte Diskussionen an der Hotelbar, die ersten Weingläser werden geleert. Auf grünen Sesseln sitzend wirken alle auf Moreno ein: Ecclestone will ihn abservieren, damit Schumacher wechseln kann – Jordan will ihn unbedingt im Spiel halten, um Benetton zu blockieren.
Dann stoßen Schumacher und Weber dazu, es bilden sich kleine Grüppchen. Ecclestone betätigt sich laut Weber als „Vermittler, wie er im Buche steht. Wann immer er an der einen Front nicht weiterkommt, eilt er zur anderen Couch.“
Es fließt immer mehr Alkohol.
Schumacher nimmt das fast teilnahmslos zur Kenntnis: „Michael sitzt mittendrin und trinkt seelenruhig Apfelschorle“, schreibt Weber später in seinem Buch.
Jordan meint: „Michael sah furchtbar verlegen und sehr entschuldigend aus. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass er völlig einverstanden war mit dem, was da passierte, weil er im Grunde ein sehr geradliniger Typ ist.“
Denn Schumacher hat Prinzipien. Eines davon ist, fit zu sein für das Freitagstraining in wenigen Stunden – in welchem Auto auch immer er dann fährt.
Er überrascht die Anwesenden, indem er plötzlich aufsteht und zu Weber sagt:
„Ich gehe jetzt schlafen. Einigt euch doch bitte irgendwie.“
„Ich gehe jetzt schlafen. Einigt euch doch bitte irgendwie.“
Michael Schumacher zu Willi Weber
Doch die Verhandlungen ziehen sich um „weitere zähe Stunden“ hin, denn alle Versuche, eine Einigung zu erzielen, scheitern an den Gegenforderungen der jeweils anderen Partei.
Um halb drei fällt die Entscheidung
Es ist schon weit nach Mitternacht, als auf einmal Bewegung in die Sache kommt: Moreno wird eine halbe Million US-Dollar angeboten, wenn er dafür das Benetton-Cockpit räumt.
Jordan versucht, Moreno den Deal auszureden, weil er in Moreno den Schlüssel sieht, um Schumacher zu halten. Doch um 2:30 Uhr muss er sich eingestehen: „Game over“ – Moreno akzeptiert die Zahlung, der Weg für Schumacher zu Benetton ist frei.
Jordan hat den Kampf um das Jahrhunderttalent verloren. Vorerst.
Denn Eddie Jordan kämpft weiter und zieht vor Gericht. Dort aber setzt es Wochen später eine weitere Niederlage.
Es bleibt dabei: Schumacher ist ab den frühen Morgenstunden des 6. Septembers 1991 offiziell ein Benetton-Fahrer.
So kam Schumacher zu Benetton
25. August 1991: Das Debüt
Michael Schumacher qualifiziert den Jordan 191 in Spa sensationell auf Startplatz sieben. Im Rennen fällt er bereits kurz nach dem Start aus.
Nach dem Belgien-Grand-Prix: Benetton greift zu
Bernie Ecclestone und das Schumacher-Lager bringen einen Wechsel zu Benetton ins Rollen. Die Vertragsverhandlungen zwischen Jordan, Benetton und Schumachers Management beginnen.
5. September 1991: Showdown am Comer See
Am Donnerstag vor dem Italien-Grand-Prix treffen die Beteiligten in der Villa d’Este zusammen. Bis tief in die Nacht wird um Schumacher und Roberto Moreno verhandelt.
6. September 1991, ca. 2:30 Uhr: Der Weg ist frei
Moreno akzeptiert die angebotene Abfindung von 500.000 US-Dollar. Schumacher kann für Benetton antreten.
8. September 1991: Das erste Rennen für Benetton
Schumacher wird in Monza Fünfter und erzielt seine ersten beiden WM-Punkte.
Die Schuld dafür sieht Jordan nicht bei sich selbst, sondern wirft Formel-1-Boss Ecclestone Einmischung vor: „Bernie hat die ganze Sache arrangiert und Briatore war eine Marionette, die an seinen Lippen hing.“
Briatore kontert: „Eddie schrie: ‚Ich habe einen Vertrag‘, aber es gab keinen Vertrag. Wir haben Michael nie von Jordan weggeholt, weil er keinen Vertrag mit Jordan hatte.“
Wie Ecclestone die Fäden zog
Beides gehört zur Wahrheit. Ecclestone selbst sagte einmal: „Ich habe Flavio überzeugt, Michael zu nehmen. Ich habe den ursprünglichen Deal eingefädelt.“
Wie geschickt, das wird erst im Nachhinein deutlich: Denn Ecclestone hat für Jordan den Motorendeal mit Yamaha arrangiert. Was zunächst wie ein Gefallen für Jordan anmutete, entpuppte sich später auch als Maßnahme, um das Schumacher-Lager von einem Verbleib bei Jordan abzuschrecken.
Mit Erfolg: Weil vermutlich Ecclestone selbst den Hinweis gab auf die vermeintlich schwächere Motorisierung von Jordan in der Saison 1992, setzte beim Schumacher-Management ein Sinneswandel ein – Neerpasch und Weber waren plötzlich offen für Alternativen.
Neerpasch und Weber überrumpelten Jordan mit kleinen, aber feinen Änderungen in dessen Absichtserklärung, die er Schumacher noch in Spa zum Unterzeichnen vorgelegt hatte: Der Satz „Ich werde den Fahrervertrag unterschreiben“ wurde zu „Ich werde einen Fahrervertrag unterschreiben“.
Ein Wort macht den Unterschied
„Ich werde den Fahrervertrag unterschreiben.“
„Ich werde einen Fahrervertrag unterschreiben.“
Das änderte alles, für Schumacher und für Jordan.
Jordan selbst sah es später genauso: „Am Ende hing es an einem einzigen Wort. Es war eben nicht der Vertrag. Aber wir haben dem damals nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Rückblickend hätten wir es tun sollen, denn mit genügend Zeit, alles sorgfältig zu prüfen, wäre es aufgefallen.“
Doch es blieb ein Versäumnis seinerseits – und der Stachel saß tief: „Ich war am Boden zerstört“, sagte Jordan.
Wohl auch, weil sich das Team 1992 mit Yamaha-Motoren tatsächlich verschlechterte und vom fünften auf den elften WM-Platz abstürzte.
Schumacher dagegen startete durch: Gleich in seinem ersten Rennen für Benetton wurde er Fünfter und erzielte seine ersten WM-Punkte. Drei Jahre später wurde er erstmals Formel-1-Weltmeister.
Ecclestones Plan geht auf
Und so entwickelten sich die Dinge genau, wie von Ecclestone geplant: Er wollte den deutschen TV-Markt erobern und brauchte dazu einen schnellen, erfolgreichen Deutschen in der Formel 1.
Er bekam ihn – dank geschickter Schachzüge, viel Geld, reichlich Alkohol und einer Nacht- und Nebelaktion in einem Renaissance-Palast am Comer See.
Der Fall Schumacher hat Folgen
Doch dergleichen wiederholte sich nicht: Im Nachgang zum Schumacher-Wechsel zu Benetton richtete der Automobil-Weltverband (FIA) das Contract Recognition Board (CRB) als unabhängige Schiedsstelle ein, die bei künftigen Vertragsstreitigkeiten ein Urteil sprechen sollte.
Wie zum Beispiel 2004 im Fall Jenson Button, als das CRB gegen Williams und für British American Racing entschied.
Aber da war Schumacher bereits ein siebenmaliger Formel-1-Weltmeister.
Hinweis: Dieser Artikel erschien ursprünglich im September 2025 in Ausgabe #2 des Magazins Revista Fium. Der Text wurde von Stefan Ehlen verfasst und wird hier mit freundlicher Genehmigung des Verlags veröffentlicht.
